Ein Versuch zur Malerei von Frauke Seemann



Frauke Seemann hatte mich gebeten, etwas zu ihren Bildern zu schreiben und mir einige Fotos von neueren Arbeiten mitgegeben. Neugierig betrachtete ich zu Hause die Fotos ihrer Werke. Es handelte sich um Malerei und Papierarbeiten aus den Jahren 97 und 98.
Einiges kannte ich schon, ein paar Sachen sah ich zum ersten Mal. Dann entdeckte ich zwei mir unbekannte, kleinere Arbeiten auf Papier von 97, die mich nicht losliessen. Die Titel lauten "Eva wird langsam böse" und "Eva wird böse".

Auf was wird Eva böse? Warum beschäftigt mich Eva's Bösewerden so sehr, wo doch die anderen Arbeiten von Frauke Seemann eher mit "Sinnenfreude" und "Lebensfest" zu tun haben, wie sie auch selber sagt.
Wenn "Eva langsam böse wird", ballen sich im Bildhintergrund bedrohliche rote Farbflächen zusammen, im Mittelgrund der Arbeit steht in fast unleserlich gemalter weisser Schreibschrift der Titel der Arbeit. Beides wird im Vordergrund durch ein blaues "Gitter" davon abgehalten, nach vorne zu treten.
Im Bild "Eva wird böse" ist ebenfalls eine mehrfarbige Gitterstruktur im Vordergrund des Werkes angedeutet. Hier ist sie aber aufgebrochen durch ein gelbes quadratisches Feld in der Mitte, das in den Vordergrund zu treten scheint. Davor steht in blauer Schrift deutlich lesbar: "Eva wird böse".

Wie hängt das Bösewerden von Eva mit den anderen Arbeiten der Malerin zusammen? Um der Sache auf den Grund zu gehen, will ich mir noch einmal die Malweise von Frauke Seemann verdeutlichen. Auf allen Arbeiten sehe ich Spuren und Bruchstücke von geschriebenen Texten, die - wie Frauke Seemann mir einmal erzählt hatte - aus eigenen Tagebuchaufzeichnungen stammen.
Ansonsten nehme ich die mir vertraute seemann'sche Malweise wahr, ein verschachteltes Miteinander von dynamischen Farbflächen und wiederkehrenden Zeichen. Die Bilder wirken auf mich wie immer: expressiv, lebendig und kraftvoll.

Die Malerin behandelt die "Dinge" in ihren Arbeiten gleichberechtigt, es gibt keine Hierarchie zwischen den Bildelementen. Was auch immer wiederkehrt, ist die Ausschnitthaftigkeit der Bildmotive; die Bildformate erscheinen wie Teile aus einem grösseren Kontext, als würde Frauke Seemann ganz nah an die Dinge herangehen, um sie besser wahrnehmen zu können.
Was mir auffällt, ist die Flächigkeit der Bilder, es gibt keine traditionelle Perspektive, keine Dreidimensionalität. Es existieren Oberflächen, die wie übereinandergelegt erscheinen, sich gegenseitig durchdringen und miteinander interagieren. Diese Art der Malweise ermöglicht es mir als Betrachterin, anders als gewohnt den "Raum des Bildes" zu erleben, nämlich aperspektivisch und multidimensional. Ich nehme also verschiedene Räume gleichzeitig wahr.

Unterschiedliche Motive tauchen auf: Spiralen, mäandernde Kurven, angedeutete Raster oder Gitterstrukturen. Und immer wieder gibt es Bruchstücke und Spuren eines subjektiv erlebten Alltages. Doch nur selten gibt es Figuratives, die Bilder wirken wie ornamentale, farbige Musterbildungen, strahlen jedoch nichts Abstraktes aus. Es geht von ihnen eine atmosphärische, poetische Kraft aus.
Die Arbeiten sind meist in kräftigen Farben und eher mit breitem Pinselstrich gemalt, manche erscheinen mir verspielt kindlich, immer jedoch gleichzeitig Reife ausstrahlend.

Mir kommt es so vor, als suche Frauke Seemann immer wieder danach, die subjektiv wahrgenommene Gegenwart, das "Jetzt", in ihrer Arbeit festzuhalten.
Aber es geht hier um viel mehr als um das blosse Einfangen von Augenblicken: der "Hierraum" der Jetztzeit erscheint wie ein unsichtbarer vielschichtiger Text, der durch die Künstlerin aufgenommen und verarbeitet wird. Es ergeben sich dadurch sichtbare, lesbare Texturen, die in den Zwischenräumen ihrer Bilder aufleuchten. Ich meine hier die Zwischenräume, die sich durch die differenzierten Zeichenstrukturen, Farbflächen und Motive ergeben. Es geht wohl um das frei werden für das "Bewohnen" einer sinnlichen Gegenwart, in der gleichzeitig immer verschiedene Dinge passieren. Und diese Gegenwart ist verbunden mit dem Schöpferischen, ist angefüllt mit Lebendigem, mit Lebendigkeit.

Ich weiss nun auch, warum "Eva" langsam (oder auch schneller) böse wird.

In der traditionellen, patriarchalen Wahrnehmung der Welt herrscht der "objektive Logos", also das objektive, geschriebene Wort über die Materie und die Sinnlichkeit. Und ebenso heisst es im alten Testament: Am Anfang war das Wort. Welches Wort hier gemeint ist, ist ziemlich klar: das "himmlische" Wort des patriarchalen Schöpfergottes, das über die Erde herrscht.

Anders als im zeitgenössischen (immer noch patriarchalen) Diskurs über Zeichensysteme, geht es in den Bildern von Frauke Seemann um eine Zeichensprache, die mit der Sinnlichkeit und den Bildern unmittelbar verbunden ist. Eine Sprache, die aus dem Empfinden, dem Körper hervorgeht und neue Räume öffnet.
Frauke Seemann gelingt es, die "Dinge" in ihren Bildern so anzuordnen, dass aus ihrer Konstellation zueinander die Gegenwart sinnlich wahrnehmbar aufzublitzen vermag.

"Eva" erobert sich nun in den Bildern von Frauke Seemann ihre Weisheit und ihr Wissen um die Zusammenhänge der Dinge zurück.

Karin Schlechter, Köln 2000 (Katalogtext)


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